Wir benutzen unser Zwerchfell etwa zwanzigtausendmal am Tag, multipliziert mit 365 Tagen ergibt das 7,3 Millionen – und wir denken so selten an diesen lebenserhaltenden Muskel.

Er hat die Form einer horizontal verlaufenden Muskelplatte, die den Brustkorb vom Bauchraum trennt, kleidet die unteren sechs Rippenpaare von innen aus und  zählt mit zu den größten Muskeln unseres Körpers. Seine Ausläufer reichen bis zum zweiten und dritten Lendenwirbel auf beiden Seiten.  Die Nerven, die diesen Muskel anspannen lassen, entspringen der Halswirbelsäule. Das Zwerchfell bewegt sich  sechs bis acht Zentimeter auf und ab und bringt es dadurch auf eine tägliche “Laufstrecke“  von 1,4 Meter  und 511 Kilometer pro Jahr!

Gemeinsam mit anderen, im Körper horizontal verlaufenden Muskel-Bindegewebsschichten (z.B. im Beckenboden, Schultergürtel, Kehlkopfbereich und Schädel) kommt dem Zwerchfell aufgrund seiner Bewegung eine besondere anatomische und funktionelle Bedeutung zu. Durch sein sehniges Zentrum verlaufen viele wichtige „Autobahnen“  von oben nach unten (z.B.  Aorta, Nerven, Speiseröhre) und von unten nach oben (z.B. Hauptvene, Lymphbahnen). Gleichzeitig liegen die zwei Lungenflügel und das Herz geschützt in seinem Herzbeutel auf dem elastischen Diaphragma (=  Zwischenwand). Unter ihm hängen wie an einer Wäscheleine die sehr große und schwere Leber, der Magen, der  Darm und die Milz.

Wird normal geatmet, dann werden alle Organe durch das ständige Auf und Ab ausreichend entstaut.

Jetzt stellt sich die Frage, wie oft wir am Tag normal tief ein- und ausatmen. Stress, Alltagshektik und Emotionen blockieren diese  harmonisch-rhythmische Bewegung oft. Die Folge ist ein flacheres Atmen  mit einem „Tiefgang“ von nur drei bis fünf Zentimetern.

Die Auswirkungen können sehr vielfältig sein:

Verspannte Nackenmuskeln, die auch als Atemhilfsmuskeln agieren (Kennen Sie das Gefühl des nicht richtigen Durchatmens?),

Blockierungen in der Brustwirbelsäule oder stechende Schmerzen vorne am Brustbein beim Atmen –ähnlich wie bei Herzbeschwerden, obwohl das Herz gesund ist,

Unbeweglichkeit der Lendenwirbelsäule aufgrund der Komprimierung der Wirbelsäule durch die Ausläufer des Zwerchfells.

 

Verdauungsstörungen mit Gasbildung drücken das dünne Zwerchfell kopfwärts und das  kann zu Irritation des Herzens führen. Das wiederum reagiert mit  erhöhter Herzfrequenz oder nervösen Herzbeschwerden.

 

Langes Sitzen im  Home Office oder Home Schooling verhindern  ebenso eine freie Bewegung des Atemmuskels, wodurch es zu einem Stau im Bauchraum kommt. Auch die psychischen Belastungen der Pandemiesituation mit all ihren Facetten im  Alltagsleben können zu weiteren Funktionsstörungen des Zwerchfells führen. Schnelles, flaches Atmen ist häufig die Ursache von kribbelnden  Händen, Schwindel und Gleichgewichtsstörungen. Diese Beschwerden werden  unter dem Überbegriff „Breathing Patter Disorder“ zusammengefasst.

Ängste spüren wir oft als Engegefühl im Brustkorb oder sie sitzen uns sprichwörtlich im Nacken . Manchmal  rauben die Ängste  uns unseren Atem,  bei Schreckensnachrichten  stockt  der Atem und je nach Kommunikationssituation halten wir die Luft an. Im alltäglichen Hamsterrad geraten wir oft ganz außer Atem.

 

  • George Floyd „I can’t breathe!“

Wie wohltuend ist eine kleine „Verschnaufpause“ und Zeit zum Durchatmen und wir kennen alle das befreiende Gefühl, wenn wir etwas erfolgreich abgeschlossen haben und nun endlich wieder tief durchatmen können. Häufig wird allerdings diese „Verschnaufpause“ durch Zigarettenrauch, überflüssiges Gerede und auch durch die Benutzung des unverzichtbar gewordenen Smartphones  zunichte gemacht.  Kaum noch ein Mensch ist in der Lage, einfach nur dazusitzen und zu atmen.

In der Osteopathie können diese Funktionsstörungen erkannt und behandelt werden  mit dem Ziel, die sogenannte strukturelle Integrität im Körper wiederherzustellen. Damit ist gemeint, dass versucht wird, die Zu- und Abflüsse besser passierbar zu machen, eine normale  Lage der  Organe anzustreben, die Rippen und die Wirbelsäule zu mobilisieren und Tipps und Übungen für Zuhause mitzugeben.